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Helmut Mewes, Sprecher der Bürgerinitiative

Warum muss im Text der Stellungnahme des Gemeinderats zum Windpark am 13.12.2011 das Wissen vor Ort beachtet werden?

Die Auftragsgutachten der Betreiberfirma stehen in der Regel im Widerspruch zum Wissen der Experten des Natur-, Arten-, und Landschafts- und Denkmalschutzes und vieler Bürger der Region. Das sollte im Text der Stellungnahme der Gemeinde auch aus rechtlichen Gründen eindeutig zum Ausdruck gebracht werden. Aus zeitlichen Gründen kann vor der nächsten Gemeindratssitzung an dieser Stelle nur noch auf einen Punkt eingegangen werden.


4. Feuchtgebiete werden vom Betreiber einfach ignoriert

Pro:
„Noch am 16.11.2011 konnten wir trockenen Fußes die Fläche mit Halbschuhen durchschreiten. Nicht einmal ansatzweise ist die Bezeichnung als Feuchtgebiet zu rechtfertigen.“ Schreiben vom 21.11.2011, S. 4

Contra:
Das Ergebnis einer einzigen Beobachtung eines Feuchtgebietes im trockensten November seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen zu verallgemeinern, ist unzulässig.

Bürger und Experten sagen dagegen aus:
„Schwere Technik und schlechte Wartung haben die Röhren (der Melioration) beschädigt. So entstand mitten im Eignungsgebiet, umgeben von einer langjährigen Brache, ein mehrere ha großes Feuchtgebiet. Hier fühlt sich das Wild besonders wohl. Ursprünglich verdrängte Pflanzen und Kleintiere erobern schrittweise das Gebiet zurück. Mitten in diesem Feuchtgebiet wurde von uns Jägern ein Hochsitz errichtet, um nicht nur Wild zu erlegen, sondern auch um zu beobachten. Beobachtet wurden 2006 und 2007 beispielsweise Greifvögel, die ihre Horste längs des Schweinewegs und auch entlang des Postwegs hatten. Zwei Horste wurden ausgemacht, wo der Kolkrabe seine Jungen aufzog. Da das ganze Jahr Wasser aus der Erde kommt, sind hier unzählige Kröten anzufinden, aber auch Insekten. Insbesondere Fliegen und Mücken ziehen Fledermäuse an, die hier einen reich gedeckten Tisch vorfinden. Durch den Vogelzug im Herbst und Frühjahr machen hier bedingt durch das Feuchtgebiet wieder zahlreiche Vogelarten Rast. Nicht nur Graugänse und Kraniche werden hier gesichtet, sondern auch ein Pärchen Nilgänse hat hier 2007 genistet.“
Regina und Willi Körtge, Wegenstedt, 12/2007

„Auf dem Feld widersetzt sich eine ca. 1 bis 2 ha große vernässte Ackerfläche einer geregelten Bewirtschaftung. Trotz großräumiger auf Intensivierung ausgerichteter Meliorationsmaßnahmen Ende der 60-iger Jahre, konnte keine geordnete landwirtschaftliche Nutzung erfolgen. Sauergräser, Binsen und andere robuste Sumpfpflanzen setzen sich immer wieder durch. In den tiefen Fahrspuren der Traktoren finden Lurchen, darunter verschiedene Froscharten, in regenreichen Sommermonaten genügend Wasser, um sich zu reproduzieren. Diese Feuchtfläche ist Lebensraum vieler Arten und gleichzeitig Nahrungs- und Jagdhabitat für Singvögel, Storch, Wiesenweihe und für Fledermäuse.
Beobachtungsprotokoll des Artenschutzbeauftragten:
27.5.2010: diverse Grasfrösche, 2 Laubfrösche, eine übernachtende Stockente
18.5.2010: Wieder rufende Gras- und Laubfrösche
4.6.2010: Ab 22.00 Uhr lautes Froschkonzert mit Beteiligung von Kröten auf der Feuchtfläche.“
Peter Loskarn, Artenschutzbeauftragter 2011, bestätigt durch Fritz Riecke, Wegenstedt

„Im Bereich der Eingriffsfläche liegt weiterhin ein temporäres Gewässer mit erhöhtem Insektenaufkommen, ein Hot Spot der die Fledermäuse natürlich stark anlockt.“
Landesverwaltungsamt, 45. Begründung des Entwurfs einer Ablehnung des Planungsantrags vom 06.04.2009, S. 25

Vor der Melioration sah das Feuchtgebiet so aus: „ Als Kinder sind wir oft den Schweineweg Richtung Velsdorf entlanggelaufen, um am Karpfenteich nach Vogelnestern zu suchen. Zum Teich führte ein kleiner Bach, mitten im Teich gab es eine von Bäumen bewachsene Insel.“
Klaus Noack, Wegenstedt, VST vom 10.12.2011, S. 11

Wenn die schweren Geräte beim Bau der WEA das Meliorationssystem zerstören, dann führt die Renaturierung unweigerlich zum oben von Klaus Noack beschriebenen Stand zurück. Nur 50 m vom Windpark entfernt, ist fast durchgängig stehendes Wasser in einem Erlenwald zu beobachten. Dort ist ein weiteres uraltes Feuchtgebiet, das über Jahrhunderte als Schweinsuhle von Wegenstedt genutzt wurde. Auch im November 2011 nichts für Halbschuhe und damit auch nichts für die Gutachter der Betreiberfirma.
Helmut Mewes, Sprecher der Bürgerinitiative


Die Gutachter gehen in Sachen Feuchtgebiete offensichtlich so vor: Was nicht sein darf, ist nicht und wird sich auch nicht entwickeln.

Wenn aber für jeden offensichtlich, bestimmte Vorgänge nicht zu verleugnen sind, dann werden im Auftragsgutachten Halbwahrheiten verkündet. Beispiele sind die verharmlosenden Aussagen zu Fledermäusen, zum Weißstorch, zu den Rastvogelzügen, zur Wiesenweihe, zum Seeadler und zu anderen Raubvögeln. Eine Beweisführung dieser Behauptung kann aus zeitlichen Gründen vor dem 13.12.2011 an dieser Stelle nicht mehr erfolgen. Wer die Beweise kurzfristiger sucht, sollte in dem aktuellen Planungsantrag die 64 (vierundsechzig!) Gründe einer Ablehnung des ersten Planungsantrags lesen. Diese wurden vom Landesverwaltungsamt am 06.04.2009 im Entwurf formuliert und sind Bestandteil des aktuellen zweiten Planungsantrags. Dabei wurde vom Landesverwaltungsamt damals die Gegenargumentation der Betreiberfirma zum ersten Entwurf der Ablehnung vom 20.11.2008 bereits berücksichtigt. Warum aus der wiederholten Ablehnung Ende 2009 eine Genehmigung wurde, kann ich mir nur durch die fehlerhafte Begründung eines Urteils des OVG im August 2009 zum Windpark Wegenstedt und durch eine intensive Lobbyarbeit erklären. Dazu habe ich im vorliegenden Planungsantrag nichts gefunden. Dieser Irrtum des Richters des OVG, der dem falschen Argument des Leiters der Regionalen Planungsgemeinschaft Magdeburg folgte, führte auch dazu, dass die beantragte Streichung von Wegenstedt als Eignungsgebiet im Regionalen Entwicklungsplan 2009 verhindert wurde. Warum falsches Argument? Jeder aus dieser Region weiß genau, dass die Rastvögel nicht täglich im 15.000 ha großen Vogelschutzgebiet morgens starten und abends landen, sondern in der 72 ha kleinen Flachwasserzone. Der geplante Windpark liegt genau zwischen wichtigen Futterflächen und dieser Flachwasserzone und wird deshalb fast täglich mehrere Monate im Jahr mehrmals überflogen.

Helmut Mewes,
Sprecher der Bürgerinitiative
Helmut.Mewes@t-online.de

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