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Debatte um Gärreste aus Nordrhein-Westfalen geht weiter

Bürger befürchten zu viel Nitrat im Grundwasser

Immer wieder haben Anwohner von Klüden, Calvörde, Dorst und Zobbenitz beobachtet, dass Gülle und Gärreste von weit her angefahren und auf Feldern und Wiesen der Region verteilt werden. Einige Bürger befürchten, dass eine intensive Landwirtschaft die Qualität des Grundwassers stark beeinträchtigt.

Anett Roisch Volksstimme, 11.10.2013

Klüden/Zobbenitz/Calvörde

„Gülle und Jauche sollen dort auf den Feldern verteilt werden, wo sie anfallen, nämlich in Nordrhein- Westfalen und nicht in Sachsen-Anhalt. Es ist schlimm, dass man mit Gülle und Jauche auch noch Geld verdienen kann“, ärgert sich
Manfred Rauer aus Calvörde. Heinrich Aderholz, sachkundiger Einwohner im Bauausschuss der Gemeinde Calvörde, hatte beobachtet, dass Gärreste und auch Gülle per Schiff und dann per Lkw in die Region transportiert wurden.
Sensibilisiert auf dieses Thema habe ihn ein Volksstimme Artikel „Gülle belastet Grundwasser“ vom 1. August 2013. Dort war zu lesen, dass von den 520 Grundwassermessstellen in Sachsen-Anhalt jede Fünfte in den vergangenen Jahren überhöhte Nitratwerte verzeichnet hat. Ein Vororttermin des Kreisumweltamtes in der Region hat ergeben, dass keine Verstöße vorliegen. „Die Gülleausbringung ist zulässig“, sagte Dieter Torka, Leiter vom Fachdienst Natur und Umwelt. Der Bülstringer Hafen habe eine Zulassung für die Verladung von Düngemitteln. „Dort werden die Gärreste aus einer Biogasanlage in Nordrhein- Westfalen antransportiert, umgeladen und auf die Flächen aufgebracht. Das sind zugelassene Mengen. Es gibt entsprechende Abnahmeverträge mit den ansässigen Landwirten“, betonte Torka. Erwin Schoof, Ortsteilbeauftragter in Klüden, meldete sich daraufhin zu Wort: „Ich bin über die Reaktion des Vertreters des Umweltamtes empört. Mit Genehmigung des Amtes werden aus Nordrhein Westfalen Gärreste und Gülle transportiert und ausgebracht. Warum wollen die Westfalen ihre Düngemittel nicht behalten? Nein, sie bezahlen noch dafür, dass sie diesen Mist loswerden. Wir haben selbst genug davon.“ Nun erklärte Torka, dass das Umweltamt diese Transporte gar nicht genehmigen muss. „Es sind Düngemittel. Im Rahmen der landwirtschaftlichen Praxis obliegt es den Landwirten, selbst Verträge mit den Biogasanlagen abzuschließen. Das ist nicht genehmigungspflichtig. Wir können nur dann etwas tun, wenn übermäßige Mengen ausgebracht werden. Das heißt, wenn gegen düngemittelrechtliche Vorschriften verstoßen wird“,
so der Leiter des Umweltamtes.

„Gülle und Jauche gelangen früher oder später als ,Zugabe‘ in unser Trinkwasser und gefährden die Gesundheit der Bevölkerung.“
Manfred Rauer, Bewohner von Calvörde.

Auch Rauer macht sich ernsthafte Sorgen: „Wenn auf lange Sicht ständig Gülle und normale Jauche auf den Feldern verteilt wird, steigen die Nitrat werte im Grundwasser. Diese Flüssigkeiten werden nämlich durch Niederschläge, wie Regen und Schneeschmelzwasser in die unteren Erdschichten transportiert. Gülle und Jauche belasten das Grundwasser und gelangen früher oder später als, Zugabe‘ in unser Trinkwasser und gefährden die Gesundheit der Bevölkerung.“ Schoof will wissen, was das Umweltamt unternimmt, um die Nitratwerte zu senken. „Die Erhöhung des Nitratgehaltes in unserem Grundwasser macht mir große Sorgen. In Calvörde haben wir den Fruchtsaftbetrieb. Das Unternehmen hat aufgrund des guten Wassers seinen Sitz in Calvörde gewählt. Wollen wir warten, bis alles Nitratverseucht ist?“, fragte Schoof. Diese Bedenken kann Torka gut verstehen. Verharmlosen möchte der Umweltamtsleiter den Sachverhalt nicht. „Das Grundwasser ist eine schützenswerte Ressource, aber eine Gefährdung für die Bevölkerung besteht derzeit nicht.“ Überall in Sachsen-Anhalt, wo es landwirtschaftlich genutzte Gebiete gibt, gäbe es auch Belastungen im Grundwasser. „Diese Nitratwerte sind ja nicht durch eine einmalige Ausbringung von Gülle entstanden. Dieser Sachstand hat sich durch Jahrzehnte entwickelt“ beschrieb er. Schon zu DDR-Zeiten hätten sich durch Düngung Nitrate in den tieferen Bodenschichten abgelagert. „Einen konkreten Verursacher findet man nicht“, weiß Torka. Das sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. Nur in Trinkwasserschutzgebieten gäbe es Düngungseinschränkungen. In der Region um Zobbenitz, Klüden und Calvörde gibt es kein solches Trinkwasserschutzgebiet. Angst müssten die Bewohner nicht haben, dass ihr Trinkwasser belastet ist. „Zu etwa 98 Prozent erfolgt die Trinkwasserbereitstellung zentral – also von den Wasserwerken. Dort gibt es keine Belastung. Das Heidewasser ist eines des besten Trinkwassers in Deutschland. Es wird auch dort streng kontrolliert, wo eine Eigenversorgung stattfindet. Das Gesundheitsamt untersucht dort das Wasser jährlich nach der Trinkwasserverordnung“, erklärte der Leiter des Umweltamtes. Unbedenklich sei das Grundwasser auch für den Verzehr von Obst und Gemüse. „Auch ein Gärtner düngt. Wenn die Bewässerung etwas höher nitratbelastet wäre, ist das im Regelfall für solche Anwendungen unbedenklich. Was anderes wäre es, wenn aus so einem hohen Nitratpegel eine Trinkwasserversorgung erfolgen würde“, so Torka. Wolfgang Köhler, Geschäftsführer des Bauernverbandes Börde, erklärte: „Es sind in der Börde Einzelfälle, wo Landwirte Verträge machen und organischen Düngemittel wie Hühnerkot oder Gärreste aus Biogasanlagen von weit her anfahren lassen.“ Jeder Landwirt müsse selbst wissen, woher er welche Düngemittel nimmt. Da würde sich der Bauernverband auch nicht einmischen. Wichtig sei nur, dass das Düngemittelgesetz eingehalten wird.

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